Große Tradition, große Not

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ABV blickt in diesen Tagen auf seine 150-jährige Geschichte zurück

Die Geschichte des ABV Stuttgart ist eng mit der des Wohltäters und Ehrenbürgers Eduard Pfeiffer verbunden. Fast kein Verein in der Stadt hat eine geschichtsträchtigere Vergangenheit. Heute kämpft der Club ums Überleben.

Von Martin Haar

Stuttgart Eduard Pfeiffer. Der Name des Ehrenbürgers ist in Stuttgart Programm. Der Bankier, Genossenschaftler und Sozialreformer ist überall in der Stadt präsent. Als Namensgeber von Stiftungen, eines Notaufnahmeheims oder einer Straße. Doch nur die wenigsten wissen: Auf Anregung des Ehrenbürgers wurde einer der ältesten Vereine Stuttgarts gegründet. Es war der Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen, den er von 1876 bis 1921 leitete. Damals ging es laut Satzung um die 'Förderung der Interessen und Hebung der sittlichen und wirtschaftlichen Zustände der arbeitenden Klassen'.

Heute, nach 150 Jahren, ist davon nur noch der nachgeordnete Vereinszweck übrig geblieben, wie es in einer früheren Festschrift heißt: 'Den Mitgliedern die Möglichkeit zu einer sinnvollen, geselligen Freizeitgestaltung und vielfältiger körperlichen Betätigung zu bieten.' Aus den Wurzeln des Arbeitervereins von 1848 entstand am 4. Januar 1863 der Arbeiterbildungsverein, der wiederum 1929 in den heutigen Allgemeinen Bildungsverein umbenannt wurde.
Heute sind unter dem Dach des ABV Stuttgart die 220 Mitglieder als Fußballer, Basketballer, Turner und als Darsteller in einer Zimmertheater-Abteilung aktiv.
"Wenn man die Historie und die Tradition des Vereins mit seinen aktuellen Zahlen vergleicht, tut einem das Herz weh", sagt ABV-Ehrenpräsident Herbert Jürschik (74). Manfred Engelbertz (79), der die Geschicke des Vereins 33 Jahre als Vorstand lenkte und ebenfalls Ehrenpräsident ist, nickt andächtig. Mit leiser Stimme merkt er an: "Ja, Herbert hat leider Recht. Heute fehlen dem Verein die Highlights."
Umso mehr besinnen sich die beiden in diesen Tagen, in denen sie den Festakt zum 150-jährigen Jubiläum planen, um die bedeutsame Vergangenheit des Clubs. Wie bedeutend, die Geschichte ihres ABV ist, wurde den beiden Ehrenpräsidenten spätestens klar, als Elke Brünle im Jahr 2010 ihr wissenschaftliches Werk präsentierte: 'Bibliotheken von Arbeiterbildungsvereinen im Königreich Württemberg 1848 - 1918.
Darin wird deutlich: Dieser Stuttgarter Verein war die Keimzelle einer wichtigen gesellschaftliche Strömung jener Epoche. Das Ziel, die Grenzen der sich damals bekämpfenden sozialen Schichten abzubauen. Und all dies ist eng verknüpft mit dem Namen Eduard Pfeiffer. Elke Brünle vermerkt: 'Unter der Ägide Pfeiffers erfuhren der Charakter und die Bildungsarbeit des Stuttgarter Arbeiterbildungsvereins einen grundlegenden Wandel." Pfeiffer wollte keine Revolutionäre oder Klassenkämpfer erziehen. Er wollte durch Bildungsarbeit die sozialen Schranken abbauen. Der frühere Stuttgarter OB Arnulf Klett fasste es einmal so zusammen: 'Die Geschichte des ABV Stuttgart steht in einem engen Zusammenhang mit Eduard Pfeiffer und der großen deutschen Arbeiter- und Genossenschaftsbewegung, die sich im Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung die geistige und wirtschaftliche Hebung des vierten Standes zum Ziel gesetzt hatte.
Was OB Klett dem Verein vor 50 Jahren ins Stammbuch schrieb, hat heute durch Stichworte wie Mindestlohn oder Hartz IV eine aktuelle Note. Aber im Gegensatz zu den Gründern hat der heutige Vorstand andere Aufgaben, ganz andere Sorgen. Soziale Missstände aufzuzeigen oder abzubauen, überlässt ABV-Chef Sami Zohni (45) anderen. Parteien, Politikern oder Verbänden.
"Ich habe aus der Not heraus das Ruder übernommen", sagt Zohni. Mit Not meint er die Mitgliederentwicklung des Clubs auf der Waldau in Degerloch:"Die Zahl der Mitglieder ist in den vergangenen 25 Jahren von 550 auf 220 gesunken. Und die Tendenz war weiter fallend." Inzwischen hat Sami Zohni mit seinem vierköpfigen Vorstandsteam den Mitgliederschwund gestoppt. Gleichzeitig haben sie das Konzept ABV 2020 auf den Weg gebracht. "Wir wollen verstärkt Seniorensport anbieten, frühere Mitglieder zurückgewinnen und die Fußballabteilung stärken." Dazu sollen gezielt Jugendliche in den Schulen angesprochen werden. "So wollen wir den Verein zukunftsfähig mache", sagt Zohni. Schließlich wäre es jammerschade, wenn ein Verein mit dieser Historie von der Bildfläche verschwände.

   
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