Ehrenamt in Stuttgart - Die zweite Familie verliert an Zusammenhalt

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Stuttgart-Degerloch - Eine Eislaufbahn am Georgiiweg müsste es schon sein, damit ein Vereinsfest auf der Waldau wieder Aufmerksamkeit von der Bevölkerung bekommt. Renatus Dierberger lacht, weil er einen Scherz gemacht hat. Er ist Vorstandsmitglied des Allgemeinen Bildungsvereins (ABV) Stuttgart, eines Sportclubs auf der Waldau. Aber es ist ein bitteres Lachen. Ihm folgt eine Aufzählung aller Widrigkeiten, denen die Vereine auf der Waldau und in der Republik gegenüberstehen.

Das Fazit muss ihn beunruhigen: Nur noch die Generation der über 60-Jährigen sei eine verlässliche Stütze für den Verein, sagt er. „Für die sind wir die zweite Familie, und die lässt man nicht im Stich.“ Doch die zweite Familie verliert an Zusammenhalt. Und das rapide, fügt er hinzu. Im Endeffekt sei die Vereinskultur in Deutschland Opfer der Globalisierung.

 

Dierberger ist selbstständig. Wäre er es allerdings nicht, wüsste er nicht, ob er sein Engagement in der Form leisten könnte. „Die flexibleren Arbeitszeiten sind vor allem flexibel im Sinn der Arbeitgeber.“ Er kann verstehen, dass immer weniger Menschen Sport nur noch zu individuell gewählten Zeiten betreiben können – wenn es gerade passt zwischen den zahlreichen Terminen. Süffisant merkt er auch an, dass gleichzeitig offenbar immer weniger Menschen Lust haben, beim Sport mit anderen zu schwitzen und unter der Dusche zu stehen. „Das passt nicht zur Individualisierung.“

Anzahl der Ehrenamtler ist im Vergleich zu 2005 leicht gestiegen

Gestresst, ichbezogen und am Nutzen orientiert – dieses düstere Bild zeichnet Dierberger von der potenziellen Klientel der Vereine. Gerade die Jungen würden soziale Defizite zeigen und oft schon nach kurzer Zeit den Verein wechseln wie eine Partylocation, die nicht mehr gefragt ist.

Den Eindruck vom sterbenden Bürgerengagement teilt Ilona Liedel dagegen nicht. Sie ist Leiterin der Stuttgarter Freiwilligenagentur. Tatsächlich hat die Stadt bei einer Erhebung im Jahr 2009 herausgefunden, dass die Anzahl der Ehrenamtler in Stuttgart im Vergleich zu 2005 sogar leicht gestiegen ist – und zwar auf eine Quote von 23 Prozent. Ein Drittel der Bevölkerung bekundet in der Bürgerumfrage der Stadt zudem die Bereitschaft, sich für das Allgemeinwesen zu engagieren. Diese Zahl hat sich seit 2005 in der Landeshauptstadt nicht wesentlich verändert.

„Ich habe eher den Eindruck, dass die Ehrenamtler mehr von den Initiativen oder Organisationen fordern, bei denen sie sich einbringen“, sagt Liedel. Sie verweist auf interessante Tätigkeiten und Aufgaben, die nicht bloß delegiert werden, sondern bei denen sich die Ehrenamtler einbringen können. Viele machen lieber bei Projekten mit. Jobs wie die des Vereinskassierers seien als langfristige Verpflichtungen mit dem Zwang zur Flexibilität im Job und im Privatleben für immer weniger Menschen vereinbar. Die gestiegenen Anforderungen sind zudem immer häufiger von handfester Natur: „Aufwandsentschädigungen sind schon stärker gefragt“, sagt Liedel. Doch für die Vereine stellt sich die Frage, wie sie mit diesen gestiegenen Ansprüchen umgehen sollen.

Junge Leute können sich ein kleines Taschengeld verdienen

Karl Rehmann von den Sillenbucher Naturfreunden lehnt es ab, einem Ehrenamtler Geld zu zahlen. Er begründet diese Ablehnung nicht nur damit, dass so eine billige Konkurrenz zum Beispiel zu Sozialberufen geschaffen werde. „Es geht auch grundsätzlich nicht. Ehrenamt ist immer ein Amt, das man nicht für Geld inne hat.“

Renatus Dierberger vom ABV Stuttgart sieht das pragmatischer. Er weist aber darauf hin, dass die finanziellen Möglichkeiten der Vereine begrenzt sind.

Folker Baur, der Vorsitzende des Turnvereins Plieningen, ist froh, dass gerade junge Leute sich mit ihrem Einsatz ein kleines Taschengeld verdienen können. Das steigert die Attraktivität für neue Mitglieder und hat dem Turnverein 2011 einen gesunden Zuwachs beschert, sagt Baur. Er ist überzeugt, dass der Trend zur Individualisierung eine Herausforderung, aber kein Todesurteil für das Vereinsleben sein muss. „Wir müssen mit der Zeit gehen und ein Beispiel setzen für den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft.“

   
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